Skip to content

Erfahrungen in Stockholm waren eine „Bereicherung“ für’s Leben

Maria Wilhelm, Abiturientin aus dem Jahr 2025, hat im vergangenen Winter die Möglichkeit genutzt, mit Erasmus+ ein Auslandspraktikum in Schweden zu absolvieren. Ihren ausführlichen Erfahrungsbericht lesen Sie hier:

„Als ich frierend im Bus nach Stockholm saß und vergeblich und erschöpft versuchte meine Beine mit meinen Handschuhen ‚zuzudecken‘ kamen mir die ersten Zweifel. Wieso sollte ich im Januar, ein halbes Jahr nach meinem Schulabschluss, in den Norden fahren, in ein Land, dessen Sprache ich zu null Prozent spreche? 

Die Idee dafür kam aus der wundervollen Möglichkeit, die uns Schüler des BKHX geboten wird, für bis zu einem Jahr im Ausland zu leben und zu arbeiten.

Für mich war schon ganz früh klar, dass ich eine Schule besuchen wollte. Ich wollte lernen, inwiefern die ganzen Entwickklungstheorien aus meinem EW-Unterricht praktisch angewendet werden. Und ob das auch für etwas ältere, damit meine ich 12-15 jährige, Schüler gilt. Im Umgang mit Kindern aus meiner Familie sowie anderen Praktika in Grundschule und Kindergarten konnte ich mein Wissen bis jetzt öfter anwenden, aber ich war darin interessiert zu erfahren, inwiefern das im chaotischen Schulalltag im Ausland aussieht.

‚Meine‘ Schule war die Internationella Engelska Skolan i Bromma; eine Privatschule, die zum Großteil auf Englisch unterrichtet. Hier erlebte ich wie all die Theorien aus meinem EW-Unterricht an der BKHX praktisch angewendet werden. Es ist nun einmal so, dass man heutzutage viel mehr Schwierigkeiten ins Gesicht sieht. Die Klassen sind gefüllt und man kämpft gegen einer sich immer stärker verringerten Aufmerksamkeitsspanne. Anstatt einem Klassenclown steht man vor 15 Kindern, die sich selbst sowie 15 weitere unterhalten wollen. Autorität und Kontrolle, Themen die in der Theorie sehr simpel wirken, müssen in der Praxis durch harte Arbeit und Durchhaltevermögen stetig von Neuem erarbeitet werden.

Ich besuchte den Mathe- sowie Deutschunterricht, der Mittelstufe und verfolgte weitgehend die Klasse 6D in ihren englisch-sprachigen Unterrichtsstunden.  Vorerst observierte ich die verschiedensten Lehrmethoden der Lehrer gegenüber den aufgeweckten, neugierigen, humorvollen (ja, ich habe auch über dein ein oder anderen 67-Witz lachen), aufmerksamkeitssuchenden, aber auch frechen und leistungsorientierten Schülern. Aufgrund ihres Alters (12-15) ging es mehr um die Unterstützung der Schüler als um Beihilfe zur Mündigkeit. Viele Schüler haben bereits eine Vorstellung von wie ihre Umgebung aussehen soll und waren von der Gesellschaft geformt.

Ich verfolgte organisatorische Aufgaben wie Jahrgangsmeetings, bei denen unter anderem über Problemkinder gesprochen wird, denn wie ich erfuhr, arbeiten Lehrer und Schüler auch auf einer persönlicheren Ebene eng zusammen, berichtigte Tests und tauschte mich mit verschiedenen Lehrern aus. Gleichzeitig half ich einzelnen Schülern bei der Nachhilfe oder während des freien Unterrichtsgeschehen und bereitete selbst Aufgaben für den Mathe- und Deutschunterricht vor. Teilweise erlebte ich aber auch die typischen Aufgaben eines Praktikanten: Arbeitsblätter drucken, Trennwände für Klausuren verteilen oder Mensa-Aufsicht. Aufgaben, für die viele Lehrer meist zu beschäftigt sind.

Letztendlich habe ich das Gefühl die meisten Facetten eines Lehrerdaseins erlebt zu haben und bin überrascht davon, wie viel dazu gehört. Es hat mich sehr gefreut, eine Verbindung zu dieser schwedischen Schule aufzubauen und ich werde all die Leute, die ich kennengelernt habe, vermissen. Ich habe gelernt, dass die Kinder wie vollständige, autonome Menschen behandelt werden. Sie werden transparent darüber aufgeklärt, wann sie wie lange was lernen und warum. Fragen werden stets beantwortet (egal wie oft die gleiche Frage gestellt wird). Die Mentor-Lehrer telefonieren zudem wöchentlich mit den Eltern ihrer Schüler, wodurch ein umfangreicheres Bild von den Kindern geschaffen wird. Ihnen ist nämlich wohl bewusst, dass die Schule als Institution einen großen Einfluss im Privatleben der Kinder hat und anders herum. 

Die Klassen innerhalb Jahrgänge werden jährlich gemischt, um sicherzugehen, dass soziale Kompetenzen ausgebaut werden. Wie genau sie dabei vorgehen wird in wöchentlichen Jahrgangsmeetings besprochen. Lehrer haben ein Auge auf so ziemlich alles; Freundesgruppen, mentale Probleme, Spaßvögel, Stress mit den Eltern. Das Kindeswohl wird auf keinen Fall auf schulische Leistungen reduziert. Die Lehrer sammeln morgens alle Handys ein und verschließen sie sicher bis zum Ende des Schultages. Auf diese Weise verhindern sie Aufmerksamkeitsprobleme der heutigen Generation. Tatsächlich fällt mir auf, wie selten während der einstündigen Unterrichtsperioden auf die Uhr geschaut wird. 

Im Gegensatz zu den meist schwedischen Schülern, besteht die Lehrerschaft an der IES Bromma größtenteils aus Ausländern; Menschen aus dem Vereinigten Königreich, Südafrika, Australien, den Vereinigten Staaten, Irland, und so weiter. Sie alle kamen aus den verschiedensten Gründen nach Stockholm und landeten dann irgendwie an der IES. Das hat mir aufs Neue bewiesen, wie wichtig es ist, sich global auszutauschen; ein Fakt der sich auch durch mein Stockholmer Privatleben zog. 

Trotz seiner extremen Kälte ist es nämlich eine wunderschöne Stadt mit Lichtern in allen Fenstern. Ich rutschte zwar öfters auf der ständigen Glätte aus, aber lief auch auf dem gefrorenen Meer herum. Ich lernte die wichtigsten schwedischen Wörter kennen, trank Fika (quasi das Äquivalent zu Kaffee und Kuchen) mit authentischen Einheimischen und werde nach meiner erlernten Begeisterung für die schwedische Musik durch das Melodifestivalen, bei dem Eurovision Song Contest sicherlich für meinen schwedischen Favoriten wählen (Copacabana Boy von Junior Lerin).

Würde ich Erasmus also weiterempfehlen? Zu 100 Prozent. In einem Land zu arbeiten, dass man nicht kennt, sich selbst um Transportation, Unterkunft, Verpflegung, Arbeit zu kümmern ist kompliziert. Man fühlt sich überfordert und auch etwas einsam. Es ist viel. Aber genau deshalb ist es eine Schlüsselerfahrung. Denn durch Erasmus wächst man charakterlich, auf die harte Art und Weise. Man kann einen Blick über den eigenen Tellerrand erhaschen, ohne zehntausende von Euros selbst reinstecken zu müssen. Auch wenn ich letztendlich merkte, dass der Lehrerberuf doch nicht so ganz zu mir passt, waren die zwei Monate eine berufliche Bereicherung für mich, die mir in meinem weiteren Berufsleben helfen wird.

Insgesamt waren die zwei Monate hier in Stockholm eine Bereicherung für mein Leben und ich habe ein bitter-süßes Gefühl von Traurigkeit gemixt mit purer Dankbarkeit für dieses Privileg, was ich erhalten habe.“